Gleichgeschlechtliche Lebensweisen

Selbstverständnis bzgl. gleichgeschlechtlichen Lebensweisen

Der Referatsbereich „Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen“ im Hessischen Sozialministerium

Aktualisierter Stand: 28.03.2013

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat es zweifellos einen enormen Einstellungswandel in der Bevölkerung zum Thema „Homosexualität“ gegeben. Toleranz gegenüber homosexuellen Lebensweisen ist in unserer Gesellschaft inzwischen mehrheitsfähig geworden.

Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere Gesellschaft von wirklicher Akzeptanz noch weit entfernt ist.

Immer noch ist die Alltagsrealität von Lesben und Schwulen in etlichen Bereichen von Vorurteilen, Ressentiments, sozialer Ausgrenzung und rechtlicher Ungleichbehandlung geprägt. Dies ist eine Tatsache, die Politik und Gesellschaft gleichermaßen zum Handeln auffordert.

Die Hessische Landesregierung wendet sich deshalb gegen jede Form von Diskriminierung. Sie verfolgt das Ziel, durch verschiedene Maßnahmen einen nachhaltigen Beitrag gegen Diskriminierung und für konkrete Verbesserungen der Lebenssituation homosexueller Frauen und Männer zu leisten, und versucht, dauerhafte Grundlagen für ein vorurteils- und diskriminierungsfreies Miteinander zu legen. Dabei geht es vor allem darum, Sensibilität für die Unterschiedlichkeit der Lebensweisen zu entwickeln und zu befördern.

Hierfür hat die Hessische Landesregierung im Jahre 1997 den Referatsbereich für die Gleichstellung von Lesben und Schwulen im damaligen Familienministerium eingerichtet. Mit einer ungewöhnlichen, aber inzwischen bewährten Konstruktion haben wir, die wir diese Aufgabe im Ministerium wahrnehmen, bis zum Jahr 2012 unsere Arbeit organisiert: zwei lesbische externe Beraterinnen und zwei schwule externe Berater aus der Community unterstützten den Referatsleiter und die Sachbearbeiterin des Referatsbereichs mit ihrer (Betroffenen-) Kompetenz und geben Impulse für dessen Arbeit. Heute ist dieser Bereich im Jugendreferat des Sozialministeriums angesiedelt.

Kooperation mit den hessischen Lesben- und Schwulengruppen

Von Anfang an haben wir besonderen Wert auf die Kooperation mit den hessischen Lesben- und Schwulengruppen und -initiativen gelegt. Regelmäßig veranstalten wir Runde Tische, auf denen Vertreterinnen und Vertreter der hessischen Lesben- und Schwulengruppen die Möglichkeit haben, auf Diskriminierungen hinzuweisen und entsprechende Maßnahmen vorzuschlagen. Es ist Tradition geworden, dass auch die Ministerin und der Staatssekretär schon bald nach Amtsantritt an einem Runden Tisch teilnehmen. Regelmäßig lässt sich die Spitze des Ministeriums entsprechende Vorschläge vorlegen, die im Rahmen eines Antidiskriminierungsprogramms abgearbeitet werden.

Außerdem sind wir bestrebt, den Dialog zwischen Betroffenen einerseits und Verbänden und Institutionen andererseits zu ermöglichen bzw. zu initiieren. Diese sind dadurch nicht selten zum ersten Mal überhaupt mit dieser Thematik befasst. Darüber hinaus werden regelmäßig Fachtagungen und Fortbildungen zu Themen wie Diversity, homosexuelle Jugendliche, Lebenssituation von Lesben und Schwulen im Alter oder Regenbogenfamilien durchgeführt, die sich insbesondere an in der sozialen Arbeit tätige MultiplikatorInnen richten. Mit diesen Veranstaltungen sollen Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, um diejenigen, denen das Thema bisher fremd war, einen Reflektionshintergrund zur Überprüfung der eigenen Einstellungen und Handlungen zu bieten.

Aktive Sensibilisierungs- und Antidiskriminierungspolitik

In unserer Arbeit suchen wir nach Wegen, in den gesellschaftlichen Alltag hineinzuwirken, indem wir unseren Einfluss auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Institutionen, Unternehmen, MultiplikatorInnen usw. geltend machen. Wir verstehen in Hessen Schwulen- und Lesbenpolitik in allererster Linie als Sensibilisierungs und Antidiskriminierungspolitik.

Wir versuchen die Grunderkenntnis zu transportieren, dass Homosexualität nicht, wie vielfach angenommen, in allererster Linie eine Spielart der Sexualität ist, sondern eine grundlegende Frage der Identität, die gemeinhin nicht offen und selbstverständlich gelebt werden kann, sondern mit tief verwurzelten Vorurteilen, Aversionen und Aggressionen konfrontiert wird. Das ist der Grund, warum der Staat hier überhaupt eine Aufgabe hat: Wir versuchen durch Sensibilisierungsarbeit, ein anderes Bewusstsein zu schaffen. Oft wird Homosexualität noch gleichgesetzt mit männlicher Homosexualität! Wir haben es uns von Anfang an zu einer Grundmaxime gemacht, Lesbenpolitik und Schwulenpolitik nicht als ein und dasselbe anzusehen. Lesben erfahren als Frauen bzw. Mädchen immer noch eine doppelte Diskriminierung. Gleichstellungspolitik für Lesben bedeutet deshalb Lesben- und Frauenpolitik.

Konkrete sozialpolitische Handlungsansätze

Eine solche Sensibilisierungs- und Antidiskriminierunspolitik verlangt nicht in erster Linie nach gesetzgeberischen Mitteln. In weiten Teilen handelt es sich vielmehr um gänzlich unspektakuläre Maßnahmen, die aus anderen Politikbereichen längst bekannt sind: klassische sozialpolitische Maßnahmen wie die Stärkung der Selbsthilfe der Betroffenen und die Sensibilisierung von Einrichtungen, Institutionen und sozialen Regeldiensten für die bestehenden Probleme.

Drei Politikfelder seien beispielhaft herausgegriffen, um dies zu verdeutlichen:

- Maßnahmen für homosexuelle Jugendliche

Viele Jugendliche befinden sich aufgrund ihrer Homosexualität in existentiellen Nöten. Noch immer glauben viele betroffene Jugendliche, sich niemandem anvertrauen zu können, und ziehen sich von ihrer Familie und ihrer Umwelt zurück. Diese Erfahrungen sowie das weitgehende Fehlen positiver Identifikations- und Unterstützungsangebote erschweren den Selbstfindungsprozess und gehen mit psychosozialen Belastungen einher, die sich in zahlreichen inneren und äußeren Konflikten bis hin zu verstärkter Suizidgefährdung artikulieren.

Geeignete politische Maßnahmen in diesem Bereich bestehen in der Unterstützung von Selbsthilfegruppen homosexueller Jugendlicher, die in den meisten hessischen Städten bereits existieren, sowie in der Sensibilisierung der kommunalen Jugendeinrichtungen, der Familien-, Erziehungs- und sonstigen Beratungsstellen und der pädagogischen Einrichtungen für die besondere Problemlage homosexueller Jugendlicher.

- Homosexuelle als Opfer von gewalttätigen Übergriffen

Gewalt gehört zur Alltagsrealität von Homosexuellen: Zwei Drittel der Befragten einer Studie der Universität Bamberg (Januar 2000) haben Pöbeleien und Beleidigungen in der Öffentlichkeit erfahren, fast ein Viertel berichtet von Gewalterfahrungen in Form von körperlichen Übergriffen, Überfällen und Körperverletzungen. Beschimpfungen wie „schwule Sau“ oder „Schwuchtel“ sind häufige im heterosexuellen Kontext gebrauchte Herabwürdigungen, erhalten aber vor allem gegenüber Homosexuellen eine gewalttätige Dimension.

Die Dunkelziffer und damit der Anteil an nicht angezeigten Straftaten liegt bei 90 bis 95 Prozent. Die Gründe hierfür sind vielfältig; nicht zuletzt bestehen immer noch Vorbehalte, sich gegenüber der Polizei zu „outen“, da Homosexuelle dort eine diskriminierende Behandlung befürchten. Eine erhebliche Rolle spielt hierbei die historische Tatsache, dass der Strafgesetzparagraph 175 noch bis 1994 Geltung hatte und die Polizei bis dahin als Strafverfolgungsbehörde gegen männliche Homosexuelle vorging.

Um diese Vorbehalte abzubauen, bedarf es - außer einer Unterstützung der Selbsthilfe-Initiativen von homosexuellen Gewaltopfern - einer Sensibilisierung und Qualifikation der PolizeibeamtInnen, die bereits in der Ausbildung beginnen muss.

- Homosexuelle Männer und Frauen mit Behinderungen

Homosexuelle Männer und Frauen mit Behinderungen sind von doppelter Benachteiligung als Homosexuelle und Behinderte betroffen. Dies kann besonders dann zu einer starken Belastung führen, wenn die Betroffenen Assistenzpersonen oder ambulante Hilfe benötigen und diese ihrer Lebensweise mit Vorurteilen gegenüber treten. Der Abbau von Vorurteilen und Tabus bei Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten ist deshalb von besonderer Bedeutung. Sensibilisierung und Fortbildung der Beschäftigten stellt einen wichtigen sozialpolitischen Handlungsansatz dar.

Welche konkreten Maßnahmen durchgeführt worden sind, soll an dem Beispiel „Maßnahmen für homosexuelle Jugendliche“ dargestellt werden:

• Organisation eines Dialogs zwischen Vertreterinnen und Vertretern von lesbischen und schwulen Jugendgruppen und Institutionen und Verbänden; insbesondere Aufbau einer Kooperation mit dem Hessischen Jugendring

• Organisation von Treffen und Tagesseminaren für Jugendgruppen

• Erarbeitung von Unterrichtseinheiten und Mitwirkung am Aufbau eines Fortbildungsangebots für Pädagoginnen und Pädagogen zum Themenkomplex „Homosexualität“

• Initiierung eines Schulprojektes in Zusammenarbeit mit der FH Frankfurt

• Integration des Schwerpunktes „Homosexualität“ in die Rahmenlehrpläne/Curricula zur Ausbildung pädagogischer Fachkräfte; Initiierung und Durchführung entsprechender Fortbildungsveranstaltungen

• Erarbeitung der Broschüre Da fiel ich aus allen Wolken. Informationen für Eltern lesbischer und schwuler Kinder (PDF, 872 KB) in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kooperationspartnern wie dem Landeselternbeirat, der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, dem Philologenverband, dem Hessischen Jugendring u.a., die in hoher Auflage vor kurzem erschienen ist.

• Berücksichtigung der Situation lesbischer und schwuler Jugendlicher in der Arbeit des Landesjugendhilfeausschusses.

Über solche klassischen sozialpolitischen Maßnahmen im Rahmen der existierenden Gesetze hinaus sind in manchen Bereichen Regelungen unterhalb der Gesetzesebene sinnvoll und möglich, um konkrete Verbesserungen der Lebenssituation von Homosexuellen zu erreichen. So wurde in Hessen im Jahre 1998, also lange vor der Einführung der Eingetragenen Partnerschaft im Jahr 2001, ein Erlass für binationale homosexuelle Paare (PDF, 11 KB) erarbeitet, durch den der ausländische Partner bzw. die ausländische Partnerin unter bestimmten Voraussetzungen eine Aufenthaltsgenehmigung erhielt. Dadurch konnte verhindert werden, dass die Partnerschaft durch eine ausländerrechtliche Ausweisung auseinander gerissen wurde.

Der Referatsbereich „Lesben und Schwule“ im Hessischen Sozialministerium hat mit diesem Erlass wie auch in anderen Politikbereichen Ansätze einer aktiven Sozialpolitik entwickelt, die über die Grenzen Hessens hinaus Beachtung gefunden haben. Eine solche Politik findet die Anerkennung der Betroffenen. Der Erfolg der Arbeit des Referatsbereiches, dessen Beschäftigte im Jahre 2000 mit dem Dialogpreis des „Lesbisch-schwulen Kulturhauses“ in Frankfurt/Main bedacht wurden, belegt dies.

Der Arbeitsbereich ist im Internet im Sozialnetz, der Internetpräsenz der sozialen Infrastruktur Hessens, unter folgender Adresse vertreten: www.sozialnetz.de/homosexualitaet/.

Hessisches Ministerium für Soziales und Integration
Referat II 2 "Jugend"
Ulrich Bachmann
Dostojewskistr. 4
65187 Wiesbaden
Tel. 0611/817-3858
Fax 0611/32719-3858
E-Mail: ulrich.bachmann@hsm.hessen.de